Gegen die Abseitsregel

Die Torarmut der Vorrunde der aktuellen EURO ist der Anlass, eine Regel in Frage zu stellen, die für diese geringe Anzahl von Toren mit verantwortlich ist: die Abseitsregel.

Was ist das Abseits?

Ein Abseits ist eine Stellung eines Angreifers, bei der sich zwischen ihm und dem gegnerischem Tor weniger als zwei gegnerische Spieler befinden aber nicht der Spielball. Ein Angreifer darf dort zwar stehen (passives Abseits) aber er darf nicht aktiv ins Spiel eingreifen. Genau wird das Abseits in der Wikipedia erklärt. (Bild Wikipedia) 640px-Offsidelarge.svg[1] Vereinfacht gesagt, ist es einem Stürmer nicht erlaubt ist, sich vor das gegnerische Tor zu stellen und sich den Ball zuspielen zu lassen. Sich hinter die gegnerischen Linien zu postieren und auf einen „langen Ball“ zu warten, gilt – salopp gesagt – als unsportlich und daher wird diese Spielsituation als Vergehen geahndet und der Ballbesitz geht durch einen Freistoß zum Gegner über.

Historisches

Das „Abseits“ war immer schon Begleiter der Fußballspiels. In den Anfängen war die Abseitsregel viel restriktiver als sie es heute ist. Hintergrund war die damalige Auffassung von Fairness. Es galt als unsportlich, Tore kampflos (nur über einen zugepassten Ball) zu erzielen. Im Laufe der Entwicklung des Fußballsports wurde aber die Abseitsregel in ihrer Wirksamkeit reduziert. Bis heute. Immer wieder. Schauen wir zunächst, wie sich unsere heutige Abseits-Regel entwickelt hat. 1863 Nur Rückpässe nach hinten sind erlaubt Am Anfang des Fußballs, bis 1866, war jeder Spieler, der sich vor dem jeweils Ballführenden befand, im Abseits und daher durfte er nicht angespielt werden. Man musste jeden Verteidiger aus eigener Kraft überwinden und durfte Pässe nur nach hinten spielen. 1866 „Drei-Spieler-Regel“ für Abseits statt der bis dahin geltenden Rückpassregel Pässe in den Angriff waren also nunmehr erlaubt aber nur solange noch drei Spieler bis zum gegnerischen Tor gestanden sind, also in der Regel der Tormann und zwei Feldspieler. 1907 Abseits nach Einwurf 1907 Kein Abseits in der eigenen Spielhälfte 1907 Kein Abseits nach Abstoß oder Eckstoß 1920 Kein Abseits beim Einwurf Wenn wir diese drei Regelergänzungen zusammenfassend betrachten, erkennt man eine Lockerung der Abseitsregel nach Standardsituationen. Man muss sich fragen, warum man das so entschieden hat. Nach meiner Ansicht ist der Grund, dass bei einer Standardsituation sich alle Spieler positionieren können und der Verteidiger auf eine Abseitsstellung des Angreifers eingehen kann und ohne Zeitdruck etwas dagegen unternehmen kann, man ihm also nicht auch noch zusätzlich die Abseitsstellung als Vorteil einräumen muss. Es ist nicht ganz konsequent, dass die Abseitsregel nicht auch bei Freistößen ausgesetzt wurde. Der Grund dürfte sein, dass bei einem Freistoß nicht noch ein zusätzlicher Vorteil für die angreifende Mannschaft geschaffen werden sollte. 1925 Änderung der Abseitsregel von einer „Drei-Spieler-Regel“ auf eine „Zwei-Spieler-Regel“ Diese Regeländerung brachte uns das Spiel, das wir heute kennen. Im Hintergrund stand wohl die Absicht, den Angriff weiter zu begünstigen und mehr Tore zu ermöglichen. Tatsächlich fielen (bei Rapid) in dieser Zeit ab den Zwanziger Jahren pro Spiel 4 Tore und mehr. Das war eine Folge der gelockerten Abseitsregel. Wenn man die Tendenz der Auswirkung dieser Regel betrachtet, dann stellt man fest, dass diese Regel im Laufe der Entwicklung des Fußballs an Schärfe verloren hat. War es am Anfang des Fußballs überhaupt verboten, Pässe nach vorne zu spielen, wurde daraus eine Regel, die besagt, dass die letzte Verteidigungslinie vor dem Torwart gewissermaßen „aus eigener Kraft“ zu überwinden ist und nicht durch einen Pass auf einen im Raum vor dem Tormann stehenden Angreifer. 1990 Keine Abseitsstellung, wenn Verteidiger und Stürmer auf derselben Höhe sind Man sieht an dieser Spezifikation, dass man versucht, Tore zu begünstigen und den Angreifern den einen oder anderen Vorteil einzuräumen. Man kann vielleicht sogar sagen, dass die Schärfe der Abseitsregel die Menge der Tore regelt. Je weniger Tore fallen, desto mehr muss man die Abseitsregel „entschärfen“.

Wie viele Tore fallen?

Es gibt mächtige Datenbanken von Fußballspielen, mit denen man die Anzahlt der Tore genauer beschreiben kann. Wir haben hier nur die Tore von Spielen von Rapid aber das sind auch ziemlich viele, nämlich fast 10.000 und die folgende Grafik zeigt die Tore pro Saison seit 1911: tore Wir sehen, dass ab den 1920er Jahren die Anzahl der Tore gegenüber den Anfängen zugelegt hat, wohl eine Folge der Änderung der Abseitsregel im Jahr 1925. Diese hohe Anzahl von Rapid-Toren von etwa 4 (und darüber)  pro Spiel hielt bis in die 1960er Jahre an. Wenn man unsere Legenden erzählen hört, dann kann man diesen Umstand der hohen Torquote aus ihren Erzählungen nachvollziehen; aber auch den Umstand, dass man damals als Rapid deutlicher gewonnen hat, weil mehr Tore gefallen sind. Heute ist die Anzahl der Tore pro Spiel auf zwei (und darunter) gefallen. Ein Grund dafür dürfte sein, dass die Verteidiger immer besser gelernt haben, diese Regel zu ihrem Vorteil auszunutzen und den Stürmer in eine „Abseitsfalle“ zu locken und dann auf einen aufmerksamen Linienrichter zu hoffen. Diese Abseitsfalle war schon in den 1960er-Jahren bei Rapid unter dem Stopper Walter Glechner im Einsatz und wurde in den 1970er Jahren bei Ajax Amsterdam perfektioniert. Auch die 3-Punkte-Regel ist für die geringere Anzahl von Toren verantwortlich. Damals, 1995 sollte mit drei (statt zwei) Punkten für einen Sieg die damals weit verbreitete salomonische „Punkteteilung“ bekämpft werden. Man hoffte auf mehr Tore und mehr eindeutige Ergebnisse. Aber es ist genau das Gegenteil davon eingetreten, denn an die Stelle der Motivation für die Angreifer, das Spiel für sich zu entscheiden, tendierten die Mannschaften eher zu einer Verstärkung der Defensive, um sich ja kein Tor einzufangen und mit einem gelegentlichen Konter das Spiel zu eigenen Gunsten zu entscheiden. Knapp aber gewonnen. Der „Catenaccio“ war geboren. Man kann das auch bei den Spielen von Rapid nachvollziehen, allerdings ist für ein allgemeine Aussage die Anzahl der Spiele zu klein. Gemessen an 100 Spielen vor und 100 Spielen nach 1995 fielen vorher 3.2 Tore pro Spiel und nach 1995 nur mehr 2.8 Tore, das entspricht ziemlich genau den internationalen Werten. Link. Aber sogar von den Torquoten der 1990er Jahre sind wir heute weit entfernt, Rapid liegt derzeit bei etwa 2. Das liegt daran, dass die Verteidigung gegenüber den Angreifern durch die Handhabung der Abseitsregel immer mehr im Vorteil ist. Der Verteidiger bestimmt mit seiner Position am Spielfeld die höchste Position der Angreifer und der Linienrichter unterstützt ihn dabei. Man hat diese Position durch die Regel-Ergänzung im Zweifel (gleiche Höhe) kein Abseits zu werten, etwas abgeschwächt, wenn man aber die Entscheidungen mit den Fernsehbildern vergleicht, wird diese Regel gefühlsmäßig eher für den Verteidiger ausgelegt. Dabei wird die Regel in den meisten Fällen nur formal angewendet; einen entscheidenden Vorteil für den Angreifer gibt es gar nicht. Meist sind das Zentimeterentscheidungen. Eine weitere moderne Regelspezifizierung ist die, dass für ein Abseits der Zeitpunkt der Ballabgabe wesentlich ist und nicht, ob dem Stürmer aus seiner Position ein Vorteil erwächst. Es passiert daher sehr häufig, dass ein Stürmer aus dem Abseits zurück, hinter letzte Verteidigungslinie zurückläuft aber ein Pass dennoch als Abseits gewertet wird, weil er eben bei der Ballabgabe im Abseits stand. Den Erzeugern der Regel (IFAB) muss man zugute halten, dass der Schiedsrichter und sein Team für die Exekution einer Regel eine klare Entscheidungsgrundlage brauchen und dafür ist eben der Zeitpunkt der Ballabgabe gut geeignet obwohl in manchen Situationen das zu skurrilen Entscheidungen führt. Ich möchte an dieser Stelle einen Vergleich mit dem Skisport bringen: wenn ein Fahrer ein Tor nicht korrekt passiert, kann er durch Zurückgehen diesen Fehler rückgängig machen. Er hat zwar viel Zeit verloren aber in manchen Fällen, wie zum Beispiel bei der Kombination, kann es doch noch für Weltcuppunkte reichen. Beim Fußball bedeutet eine Abseitsstellung einen unerlaubten Vorteil eines Stürmers gegenüber dem Verteidiger, weil er durch seine Stellung näher zum Tor steht, ohne sich diese Stellung erkämpft zu haben. Wenn nun aber der Stürmer diesen Vorteil durch Zurücklaufen hinter den letzten Verteidiger aufgibt, also keinen Vorteil mehr hat, dann ist es sinnlos, ihn eines Abseits-Vergehens zu beschuldigen, weil er ja seine Stellung aufgibt und – so wie der Skifahrer – den Fehler rückgängig macht.

Was haben wir stattdessen?

Es wird in den meisten Abseitsentscheidungen in Fernsehbildern darüber diskutiert, ob der Angreifer sein Bein um einige Zentimeter zu weit vorne hatte und wenn ja, wird der Angriff abgepfiffen. Die Regel aus dem Jahr 1990, dass im Zweifel für den Angreifer zu pfeifen ist, kann man nur selten erleben und wenn, dann wird sie von dem Kommentator gleich dazu benutzt, zu bemerken, dass da doch der Stürmer etwas weiter vorne war, eine Situation, die der Linienrichter beim besten Willen nicht sehen konnte; das ist physiologisch unmöglich. Das Wacheln des Linienrichters wird durch ein im Nachhinein ermitteltes Zeitlupenbild beurteilt; sehr unfair gegenüber dem Linienrichter.

Was bewirkt eigentlich die Abseitsregel?

Die Wirkung dieser Regel war immer schon, dass weniger Tore fallen als ohne diese Regel fallen könnten.

Ist das gut?

Ja, das ist das Wesen des Fußballs und die Abseitsregel hat einen wesentlichen Anteil daran. Wenige Tore geben dem schwächeren Team eine realistische Chance, zu gewinnen und genau das ist interessant, denn wenn immer der Stärkere gewinnen würde, müsste man sich das Spiel ja nicht unbedingt anschauen. Es ist gerade das Ungewisse, das Fußballspiele so spannend macht. Es gibt dazu Studien, die das Fußballspiel mit dem Handballspiel vergleichen und sich fragen, warum Handball nicht die Popularität des Fußballs erreicht. Ein Grund ist, dass beim Handball ungleich mehr Tore fallen. Nach wenigen Runden ergibt sich beim Handball in der Tabelle ein Oberhaus und ein Unterhaus und ein Spiel zwischen zwei Teams dieser Zonen ist viel leichter vorhersagbar als das beim Fußball der Fall ist; beim Handball gewinnt mit größerer Sicherheit das spielstärkere Team. Wenn aber nur mehr weniger als zwei Tore pro Spiel fallen ist auch die Rolle des Schiedsrichters eine immer bedeutendere, weil er ein Spiel im Alleingang entscheiden kann. Und das darum, weil es für den Angreifer immer schwieriger wird, Tore zu erzielen.

Warum wurde aber die Abseitsregel so oft verändert?

Nach meiner Ansicht waren die Veränderungen das Ergebnis der Entwicklung dieses Sports. Je professioneller Spieler ausgebildet wurden und sich den taktischen Auflagen folgen konnten, desto besser konnten sie auf die Aktionen der Gegner reagieren und desto besser konnten Verteidiger auf die Aktionen der Stürmer eingehen und daher konnte man die Abseitsregel schrittweise abbauen, weil die Verteidiger auch ohne diese Unterstützung erfolgreich Angriffe abwehren konnten. Man hat daher schon früh typische Standardsituationen nach Abstoß und Einwurf und Stellungen innerhalb der eigenen Hälfte aus der Abseitsregel ausgenommen, weil die Verteidiger sich die Stellung der Stürmer in Ruhe anschauen und sich darauf einstellen können. Warum daher die Abseitsregel nach einem Freistoß immer noch gilt, ist eigentlich unlogisch. Es kommt im modernen Spiel kaum und eher nur zufällig vor, dass ein Stürmer sich in einer Position befindet, in der er wegen seiner Abseitsstellung einen klaren Vorteil gegenüber dem Verteidiger hat. Ist nämlich der Stürmer zum Beispiel ganz deutlich innerhalb der gegnerischen Hälfte nach dem letzten Verteidiger, dann kümmert sich der Verteidiger gar nicht um ihn, weil er weiß, dass er den Ball nicht annehmen kann. Der Verteidiger verlässt sich in diesem Fall voll auf den Linienrichter. Ist dagegen der Stürmer auf der Höhe der letzten Verteidigungslinie, dann spielen die Verteidiger oft auf „Abseitsfalle“, indem sie zum Zeitpunkt der Ballabgabe etwas völlig Unlogisches tun, in dem sie sich einen Schritt vom eigenen Tor wegbewegen, um den Stürmer ins Abseits zu stellen, in dem dieser vorher gar nicht war. Manchmal geht die Rechnung auf, manchmal „schläft“ aber einer der Verteidiger und die Abseitsfalle misslingt. Die Regel wird also etwas pervertiert, denn ein Schritt ist ja kein bedeutender Vorteil des Stürmers aber wird zu einem eher formalen Grund für den Linienrichter, den Angriff abzubrechen. Würde es also diese Regel nicht geben, wären solche taktische Mätzchen nicht möglich und der Verteidiger müsste sich auf sein Hauptgeschäft, die Verteidigung konzentrieren und nicht auf ein taktisches Manöver.

Mehr oder weniger Einflussnahme durch den Schiedsrichter?

Wir Zuschauer empfinden ein Spiel ohne viele Spielunterbrechungen als interessanter als umgekehrt und Schiedsrichter, die das Spiel „laufen lassen“, tun dem Spiel oft gut. Wenn es also eine Möglichkeit gibt, die Anzahl der Spielunterbrechungen ohne Qualitätsverlust zu reduzieren, müsste das ein Vorteil für den Fußball sein. Nehmen wir an, in einem Spiel würden 8 Abseitsentscheidungen geahndet, dann sind das 8 Spielunterbrechungen, die ohne Abseitsregel nicht erfolgen würden. Man hat ein bisschen den Eindruck, als wären die verteidigende Mannschaft und die Linienrichter durch diese Regel gegen die Angreifer „verbündet“.

Würden ohne die Abseitsregel mehr Tore fallen?

Ich behaupte „ja“, aber nicht viel mehr. Immerhin genug mehr, um das Spiel interessanter zu machen, vielleicht so wie in der 50er Jahren. Schauen wir einmal eine gewöhnliche Corner-Situation an. Wenn die angreifende Mannschaft alle Spieler im Strafraum versammelt, tritt der Schütze den Corner allein. Stellt aber die angreifende Mannschaft einen zusätzlichen Spieler zur Cornerfahne, um eine zusätzliche Abspielvariante zur Hand zu haben, wird dieser zweite Mann automatisch durch einen der Verteidiger gedeckt, was den Vorteil des Angreifers kompensiert. Ich will mit dieser Szene illustrieren, dass jede taktische Maßnahme des Angreifers auch gleichzeitig eine taktische Reaktion des Verteidigers zu Folge hat und sich daher Vor- und Nachteil der jeweiligen Situation ausgleichen. Genau so wäre es beim Abseits. Wenn die Verteidigung nicht mit einem Abseitspfiff rechnen kann, dann positioniert sie sich zum offensivsten Stürmer und muss diesem Spieler aktiv begegnen ohne sich auf eine Abseitsfalle verlassen zu können. Moderne Verteidiger hätten wahrscheinlich mit einem abseits stehenden Stürmer kein Problem.

Die Rolle von Verteidigung und Sturm dreht sich um

Derzeit bestimmen die Verteidiger, wo ein Stürmer regelkonform stehen kann. Stehen sie „hoch“, also etwa auf der Mittellinie, zwingen sie den Stürmer auch auf diese Höhe, laufen aber bei kleinen Unachtsamkeiten Gefahr, sich einen gefährlichen Konter einzufangen. In einem abseitsfreien Spiel kann sich der Stürmer hinstellen, wohin immer er will. Die Reaktion wird sein, dass er von ein oder zwei Verteidigern begleitet wird. Das ist auch heute der Fall, nur bestimmen die Verteidiger diese Position, ohne Abseits aber der Stürmer.

Schiedsrichter entscheidet das Spiel

Fußballspiele sind torarm. Wir wissen, dass das dem Fußball gut tut. Was wir aber gar nicht wollen, dass ein Ergebnis durch eine Schiedsrichterentscheidung zustande kommt. Bei Fouls wird man natürlich den Schiedsrichter immer brauchen aber die Abseitsentscheidung könnte man ihm getrost abnehmen. Die Linienrichter müssen unablässig diese eine Szenerie des Abseits im Auge behalten. Sie stehen auf der Höhe des letzte Mannes und müssen gleichzeitig mit dem Auge zum abspielenden Spieler schielen. Dieses Kunststück ist physiologisch ohnehin undurchführbar und es ist erstaunlich, wie oft Linienrichter dennoch mit ihrer Entscheidung richtig liegen. Die Entscheidung pro oder kontra Outeinwurf oder pro oder kontra Foul ist für den weiteren Spielverlauf weit weniger gravierend als ein abgepfiffener Angriff wegen eines Abseits, oft sogar wegen eines vermeintlichen Abseits, wie dann im Nachhinein eine Kamera aufdeckt.

Was ändert sich am Spiel?

Das Spiel wird weniger oft unterbrochen; das steht fest. Es wird flüssiger und dadurch spannender. Derzeit bestimmen die Verteidiger, wo ein Stürmer stehen kann. Der Rest ist eine Art gegenseitige Überrumpelungstaktik, in der entweder die Verteidiger durch eine Abseitsfalle oder der Stürmer durch einen Start zum richtigen Zeitpunkt die Situation für sich entscheidet. Ohne Abseits gibt es kein Taktieren für die Verteidiger. Wo immer der Stürmer steht, man muss mit ihm rechnen und kann ihn nicht in eine taktische Falle locken. Die Linienrichter, die derzeit hauptsächlich diese eine Situation im Auge haben müssen, können sich ohne Abseitsregel mehr auf das Spiel konzentrieren. Eventuell könnte der Linienrichter den Torrichter zu Gänze ersetzen, weil er nicht auf Ballhöhe sein muss und bei Torraumsituationen auch im Torraum präsent sein könnte.

Fallen mehr oder weniger Tore?

Ob durch den Wegfall der Abseitsregel mehr oder weniger Tore fallen würden, kann man nicht wirklich voraussagen. Für eine Zunahme spricht, dass kein Angriff aufgrund einer Stellung angepfiffen werden muss. Dagegen spricht, dass Verteidiger nicht taktieren können (und dadurch manchmal selbst in eine Falle laufen, weil nicht alle Verteidiger den entscheidenden Schritt nach vorne gleichzeitig ausführen und ihnen der Stürmer entwischt) und sich dadurch ausschließlich auf die Verteidigung einer Situation konzentrieren müssen und nicht auf das taktische Gegenteil, die Abseitsfalle.

Die Zeit ist reif für einen Fußball ohne Abseits

Die Abseitsregel wurde im Laufe der Jahrzehnte immer etwas zurückgenommen. Unser heutiges Spiel wird im wesentlichen durch die Abseitsregel aus dem Jahr 1925 geprägt, flankiert durch die Abfederungen, dass es bei Einwürfen, in der eigenen Hälfte, nach Ausschüssen und einem Corner keine Abseitsstellung gibt. Warum ist das so? Man kann da nur vermuten. Dass nach Ausschüssen, einem Corner und nach Outeinwürfen keine Abseitsstellung gegeben ist,  könnte man so interpretieren, dass es sich um „ruhende Bälle“ handelt und die verteidigende Mannschaft genug Zeit hat, sich auf die Situation einzustellen und es daher ein bisschen sonderbar wäre, dass diese No-Na-Situation auch schon ein Abseits nach sich ziehen würde. Nach meiner Ansicht wäre das auch nach einem Freistoß der Fall – ist es aber nicht. Auch ein Freistoß ist eine Art definierter Spielbeginn, auf den sich alle Beteiligten gut einstellen können, bei der sie also nicht taktieren müssen.

Etwas mehr Tore würden uns gut tun

Der Fußball lebt von den Toren. Gibt es einmal ein 0:0, mag dieses durchaus spannend sein, ein 2:2 wäre uns als Zuschauer lieber. Dass ein wenig mehr Tore irgendwas verschlechtern, kann ich nicht sehen, denn vor 50 und 80 Jahren zählte man doppelt so viele Tore und die Fußballwelt war damals auch in Ordnung. Die derzeitige Konzeption stärkt eindeutig die spielschwächere Mannschaft in einem diskussionswürdigen Ausmaß. Man hatte 90 Jahre Zeit, mit dieser Abseitsregel zu leben und im Laufe der Jahrzehnte hat die Anzahl der Tore stetig abgenommen, weil die Fußballstrategen die Abseitsregel immer besser für Verteidigungszwecke auszunutzen verstehen.  Es wäre an der Zeit, dass wieder einmal dem Angreifer mehr Räume gegeben werden und man wieder mehr Tore sieht im Fußball.

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